05 verliert, doch es ergibt sich nicht

Christian Karn. Leipzig.
Eine Chance, sich in Leipzig mit zumindest einem Punkt in die Länderspielpause zu verabschieden, hatte der FSV Mainz 05 im Grunde überhaupt nicht. Zur Halbzeit sah es gar nach dem nächsten Debakel aus. Dass die 05er mit einem 1:3 noch glimpflich davon kamen, hing sicher damit zusammen, dass die Leipziger Offensive es ihnen in der zweiten Hälfte nicht mehr so schwer machte. Es hing aber auch damit zusammen, dass die 05er aller Unterlegenheit zum Trotz die Kapitulation verweigerten, sich ihr Tor erarbeiteten, gegen Ende dem Anschlusstreffer durchaus sogar nahe kamen. Taktisch und strukturell war's sehr schlecht, aber moralisch ließen sich die 05er diesmal nicht schlagen.

RasenBallsport Leipzig - FSV Mainz 05 3:1 (3:0)

Sonntag, 6. November 2016, 42.558 Zuschauer.

Leipzig: Gulácsi - Ilsanker, Orban, Compper, Halstenberg - Sabitzer, Keita, Demme, Forsberg (86. Kaiser) - Werner (69. Burke), Poulsen (79. Selke).
Reserve: M. Müller, Papadopoulos, Khedira, Schmitz. Trainer: Hasenhüttl.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Balogun, Hack, Bussmann - Brosinski, Gbamin (67. Ramalho) - Onisiwo, Serdar (32. Malli), Jairo (46. Bell) - Córdoba.
Reserve: Huth, Öztunali, Bungert, de Blasis. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Fritz (Korb).

Tore: 1:0 Werner (3., Forsberg), 2:0 Forsberg (21., Werner), 3:0 Werner (44., Forsberg), 3:1 Bell (74., Hack).

Gelbe Karten: Brosinski, Bell, Ramalho.

Es gab Phasen, da lag das zweite Debakel binnen vier Tagen in der Luft. Eine ernsthafte Chance auf einen Punktgewinn, so viel war schnell nahezu sicher, hatte der FSV Mainz 05 bei RasenBallsport Leipzig nicht. Zu groß waren die strukturellen Probleme, zu naiv der Ansatz, zu früh fielen die drei Gegentore. Die akzeptable zweite Hälfte, in der der Gegner allerdings mit viel weniger Tempo spielte, war daher nichts wert. Eines immerhin muss man den 05ern zugestehen: Allen Rückschlägen, allen Problemen, allen Nachlässigkeiten und aller Überforderung zum Trotz spielten sie immer tapfer weiter, kapitulierten nicht, belohnten sich zumindest mit dem Kopfballtor des eingewechselten Stefan Bell, das das Ergebnis - 1:3 - ein bisschen weniger unfreundlich wirken lässt.

Zum ersten Mal in dieser Saison ließ Martin Schmidt in der Innenverteidigung den nominellen und den tatsächlichen Kapitän, Niko Bungert und eben Bell, auf der Bank. Leon Balogun und Alexander Hack sollten zentral zwischen Giulio Donati und Gaetan Bussmann verteidigen, vor ihnen sollten Jean-Philippe Gbamin und Daniel Brosinski die Abwehr entlasten.

Das funktionierte kein bisschen. Schon in der dritten Minute pressten die Leipziger nach einem Mainzer Einwurf Jhon Córdoba den Ball ab, spielten schnell in die Tiefe, boten Marcel Sabitzer ein paar schöne Passwege an. Über Emil Forsberg kam der Ball zu Timo Werner; viele Verteidiger waren in der Nähe, am ehesten hätte Donati noch eingreifen können, Forsberg brachte den Ball gerade noch rechtzeitig weiter. Jonas Lössl war noch dran am Schuss von Werner, aber vermochte ihn nicht mehr entscheidend abzulenken; im hohen Bogen flog der Ball ins Tor. Dritte Minute, erster Rückschlag.

Einen kurzen Moment gab es, in dem die 05er ins Spiel hätten zurückkommen können. Bussmann kam sehr leicht an Stefan Ilsanker vorbei, aber der Pass auf Jairo kam nicht perfekt, der Schuss des Spaniers war letztlich auch viel zu schwach. Das war die fünfte Minute. Ab der sechsten gab es noch ein paar halbherzige Angriffe, aber überzeugend sahen die nicht aus. Die Mainzer leisteten sich viele kleine Fehlerchen, spielten die Pässe ungenau, legten sich die Bälle zu weit vor, waren ohnehin überall in Unterzahl. Und kamen mit den schnellen, gradlinigen Gegenangriffen nicht zurecht. Die Räume waren zu groß, um das Leipziger Umschaltspiel zu unterbinden, immer wieder auch Verteidiger zu unkonzentriert.

In der zwölften Minute grätschte Balogun den letzten Pass weg. In der 13. entschied sich Schiedsrichter Marco Fritz dagegen, einen Handelfmeter gegen Giulio Donati zu pfeifen, der berechtigter gewesen wäre als manch ein Strafstoßpfiff der vergangenen Wochen. Wiederum Balogun musste in der 17. Minute viel riskieren, um Werner den Ball wegzuspitzeln. Die 05er mühten sich um Kontrolle, wollten sich durchaus ins Spiel hineinarbeiten, das zeigten sie, das sah man. Aber sie kamen mit dem Tempo der Leipziger nicht mit, kassierten so in der 21. Minute das zweite Gegentor.

Hack war's, der im falschen Moment aus der Abwehr kam. Balogun war's, der das Laufduell mit Werner verlor; der Stürmer rannte dem 05-Verteidiger einfach weg. Donati hätte am Elfmeterpunkt klären können, zögerte zu lange, merkte nicht, dass Forsberg sich von hinten an ihm vorbei drängelte. Der war damit frei vor dem Tor und ließ Lössl gar keine Chance.

Die Mainzer hatten keine Abstimmung in der Defensive. Sie hatten keine Entlastung aus dem Mittelfeld, wo viele, viele Bälle verloren gingen, wo sie die Zweikämpfe oft verloren, häufiger gar nicht in die Zweikämpfe kamen. Einen Defensivverbund im gewohnten Sinne gab es nicht. Es gab Einzelkämpfer. Und die waren mit ihrer Aufgabe überfordert.

Jonas Lössl verhinderte in dieser Szene mit Gaetan Bussmann (links verdeckt) und Giulio Donati (rechts verdeckt) das 0:3. Auf seine Abwehr konnte sich der Torwart in der ersten Hälfte erneut nicht verlassen. Foto: imagoSuat Serdar, 30 Minuten lang Zehner anstelle des überlasteten Yunus Malli, der dann wegen der Verletzung seines Vertreters doch mitspielen musste, hatte in einem kurzen Moment Leipziger Unordnung in der 27. Minute sehr kurz den perfekten Passweg durch die Abwehr vor sich, hätte den durchgelaufenen Gbamin in eine wirklich gute Schussposition schicken können, brachte den Ball nicht durch die enge Lücke. Im Konter rutschte Balogun der Ball durch, Lössl trieb Werner nach außen, dessen Schuss ging ans Außennetz. Der Torwart musste hellwach sein, konnte sich wie schon in Brüssel auf seine Abwehr nicht verlassen, rettete, was zu retten war, hatte dreimal keine Chance. Kaum etwas war präzise bei den 05ern, vieles wirkte halbherzig, wirkte unentschossen, gehemmt. Einmal noch verhinderten die 05er mit vereinten Kräften das 0:3. Werner kam an Hack vorbei, spielte den guten Rückpass auf Forsberg. Bussmann grätschte dazwischen, brachte damit nur Naby Keita ins Spiel, Donati blockte, Lössl holte sich wieder mit einem seiner kurzen Sprints den Abpraller. In der 44. Minute gab es nichts mehr zu retten: Balogun brach das Laufduell mit Forsberg einfach ab, Hack ließ den Passweg zu Werner offen, wieder war ein Stürmer frei vor Lössl, wieder war der Ball drin. Wieder zeigten die 05er massive strukturelle Mängel, wieder gab es keine Absicherung, wieder hatte Leipzig viel zu viel Platz.

In der Halbzeit wechselte Martin Schmidt schon zum zweiten Mal, brachte Stefan Bell, schob Hack nach links hinaus, Bussmann etwas weiter nach vorne. Schadensbegrenzung? Hinten waren die Mainzer mit Bell etwas stabiler, aber das dürfte auch damit zusammenhängen, dass Leipzig vom Gas ging. Erst um die 60. Minute herum drehten die Gastgeber nochmal auf. Yussuf Poulsen hatte allen Platz, kam aber am langen Pfosten nicht an einen Diagonalpass heran (58.), dann flutschte Forsberg durch die Abwehr, schoss Werner in den Pulk, stoppte Donati den Ball mit der Brust. Es war wieder eine der Szenen, in denen die Leipziger zu viel Raum bekamen, um mit hohem Tempo auf den Verteidiger zuzurennen. Dennoch war jetzt ein größerer Zusammenhang da im Defensivspiel der Mainzer. Nur einmal wurde es noch eng in der letzten halben Stunde: Bei Poulsens Querpass hatte Forsberg keinen Gegenspieler, aber der Schwede wollte zu viel, blieb nicht ruhig, schoss übers Tor (72.).

Eine echte Torchance hatten die 05er bis dahin nicht. In der 73. Minute hätten sie sie haben können. Endlich spielten sie einen Angriff gut zu Ende, ausgehend vom eingewechselten Debütanten Ramalho, dessen langen Ball Córdoba stoppte, Bussmann nach innen spielte. Im letzten Moment blockte Marvin Compper gegen Malli. Es gab Eckball, es gab das 1:3. Hack köpfte die Flanke vom langen Pfosten zurück an den kurzen, Keita versuchte noch, Bells Kopfball akrobatisch wegzuschlagen, streife den Ball nur. Nein, moralisch geschlagen waren die Mainzer nicht. Sie waren unterlegen, sie waren in einigen Phasen überfordert, aber sie waren nicht bereit zur Kapitulation. Gab ihnen das Tor Mut? Auf einmal waren sie viel besser im Spiel, in der Offensive, auf einmal gab es klare Aktionen. Malli spielte einen schönen Doppelpass mit Córdoba, hätte fast Bussmann das mutmaßliche 2:3 vorbereitet (75.), der Pass kam nicht durch. Es gab einen Überfall von Donati gegen den Linksverteidiger Marcel Halstenberg und einen Zweikampf im Strafraum, der doch ein bisschen nach Elfmeter aussah (80.) - Compper traf den Italiener durchaus, der fiel wohl etwas zu theatralisch. Es gab weitere kleine Ansätze. Die 05er hätten Glück gebraucht, viel mehr fehlte nicht zum 2:3.

Zu viel fehlte aber letztlich. Zu viel zum Comeback, vorher viel zu viel, um der Verlegenheit vorzubeugen, überhaupt ein großes Comeback zu brauchen. Die Länderspielpause kommt bereits etwas zu spät, diejenigen, die in Mainz bleiben dürfen, haben einige Arbeit vor sich.

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