05 scheitert an der Chancenverwertung

Christian Karn. Mainz.
Am Ende geht sogar die Suche nach einem Sündenbock ins Leere. Der FSV Mainz 05 hat trotz einer sehr starken Leistung schon wieder verloren, 2:3 gegen die TSG Hoffenheim trotz einer 2:0-Führung. Das Publikum suchte die Schuld beim Schiedsrichter, wird aber einsehen müssen: Das 2:2 war ein reguläres Tor, bei aller Konfusion, die es begleitete. Das 3:2 war ein reguläres Tor. Die Elfmeter gab es zu Recht nicht. Die 05er scheiterten an sich selbst - weniger an der Qualität der Hoffenheimer, weniger an defensiven Schwächen, vor allem an ihrer Chancenverwertung. Das Spiel hätte längst entschieden sein können.

FSV Mainz 05 - TSG Hoffenheim 2:3 (2:2)

Mittwoch, 20. September 2017, 23.477 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Adler - Balogun (90+2. Maxim), Bell, Gbamin - Donati, Latza, Serdar, Brosinski - Öztunali (80. de Blasis), Fischer (67. Jairo) - Muto.
Reserve: Zentner, Quaison, Frei, Holtmann. Trainer: Schwarz.

TSG Hoffenheim: Baumann - Nordtveit, Vogt, Hübner - Passlack (46. Demirbay), Schulz - Rupp, Polanski (55. Kramaric), Amiri (76. Geiger) - Uth, Wagner.
Reserve: Kobel, Kaderábek, Grillitsch, Zuber. Trainer: Nagelsmann.

Schiedsrichter: Gräfe (Berlin).

Tore: 1:0 Latza (5., nach schlechter Kopfballabwehr), 2:0 Muto (16., Öztunali), 2:1 Amiri (23., Polanski), 2:2 Wagner (45+1., Rupp), 2:3 Uth (90+2., Vogt).

Gelbe Karten: Latza, de Blasis, Jairo - Vogt, Demirbay, Geiger.

Am Ende muss man festhalten, dass Mainz 05 ein außerordentlich gutes Fußballspiel gemacht hat. Ein Spiel, das man einfach gewinnen muss. Das man eigentlich nicht nicht gewinnen kann. Am Ende muss man festhalten, dass die TSG Hoffenheim zum wiederholten Mal gegen Mainz 05 gepunktet, diesmal sogar gewonnen hat, zum wiederholten Male mit einem geradezu unverschämten Glück. Helfen tut's den 05ern nicht, die vierte Saisonniederlage im fünften Spiel steht, trotz einer 2:0-Führung ein 2:3 - mit vielen strittigen Szenen, die bei sehr genauem Hinsehen mit einer halbwegs entscheidenden Ausnahme aber korrekt beurteilt und entschieden waren.

Sandro Schwarz rotierte in der englischen Woche nicht viel mehr als nötig, schickte weitgehend die Mannschaft auf den Platz, die sich in den vergangenen Wochen als Stammformation herausgebildet hatte: Yoshinori Muto war wieder fit genug, um als Mittelstürmer zu beginnen. Links griff anstelle von Pablo de Blasis wieder der dänische Neuzugang Viktor Fischer an. Suat Serdar und Danny Latza bildeten das Zentrum der Mannschaft, links innen in der Abwehr verteidigte Jean-Philippe Gbamin als Vertreter des leicht verletzten Abdou Diallo.

Wie gegen Leverkusen begann es erst einmal mit einem gewissen Abtasten zweier diesmal nicht identischer, aber ähnlicher Formationen. Die ersten Toraktionen hatten die 05er: Einen schönen öffnenden Pass von Suat Serdar, der in einer Flanke zum Torwart endete. Ein abgeblockter Schuss von Serdar. Nach exakt fünf Minuten: Das 1:0. Nach einer Kopfballabwehr kam Latza vor dem Strafraum an den Ball, legte ihn sich zurecht, zog ab, flach neben den linken Pfosten zur 05-Führung. Hoffenheim ging direkt vom Anstoß in den Gegenangriff, bekam einen Eckball, machte damit nichts.

Einer von vielen Gründen für die Niederlage, eine von vielen vergebenen Torchancen. Foto: VeyhelmannSo ganz bei der Sache schienen die Hoffenheimer in diesen ersten Minuten nicht zu sein. Sie gaben den Mainzern andere Räume als sonst, sie ermöglichten Muto in der 10. Minute einen Fallrückzieher, der freilich noch anspruchsvoller war als sein Ausgleichs-Schuss gegen Leverkusen, der nicht gefährlich wurde. Sie erlaubten einen Zwei-gegen-Eins-Konter, den Levin Öztunali in der 11. Minute zu leicht vergab. Sie kamen erst in der 12. Minute durch Lukas Rupp scheinbar gefährlich in den Strafraum, aber der Pass war zu lang, René Adler schnell draußen und deutlich rechtzeitig am Ball.

Die 05er ruhten sich nicht auf der Führung aus, sie ließen sich von ihr inspirieren. Ihr Spiel sah gut aus - nach einer Viertelstunde war sogar die Hacke im Repertoire: Zwei Hackenpässe in Folge brachten auf dem rechten Flügel nur deshalb keine 35 Meter Raumgewinn, weil der Ball über der Linie war - ein Ästhet hätte es laufen gelassen... und in der 16. Minute wuselte der von Öztunalis Ferse bediente Muto durch die Abwehr, schien die Chance schon vergeben zu haben, hatte kurz auch Viktor Fischer im Weg, bekam dann aus spitzem Winkel den Ball an Torwart Oliver Baumann vorbei ins Tor - 2:0 für die bis dahin hoch überlegenen, spielfreudigen 05er. Und in der 21. Minute fehlte Daniel Brosinskis Flanke nur etwas Präzision zum 3:0.

Doch reicht das noch nicht, um Hoffenheim zu schlagen. Aus dem Nichts fiel in der 23. Minute das Anschlusstor. Nadiem Amiri kam nach einem Steilpass von Eugen Polanski durch die Lücke und ließ Adler keine Chance. Vielleicht eine wertvolle Warnung für die 05er, vor lauter Angriffslust nicht hinten die Konzentration zu verlieren. Der Mainzer Konter: Ein Sololauf von Gbamin die Linie entlang und zwei Einwürfe später ein Distanzschuss von Giulio Donati, der jedoch einen Schritt am linken Pfosten vorbei flog, damit ein bisschen besser war als der zweite des Italieners, in der 57. Minute.

Das Hoffenheimer Pressing war seit dem 2:1 aggressiver, die Lücken in der Abwehr der Gäste dadurch nicht kleiner. Und Rupps geschickter Volleyschuss in der 30. Minute nach einem langen Diagonalball von Benjamin Hübner wäre womöglich an den Pfosten gegangen, Adler flog sicherheitshalber entgegen, parierte zur Ecke, zur ersten von mehreren in kurzer Zeit. Der offene Schlagabtausch war eröffnet, das vierte Tor zu erahnen - aber auf welcher Seite? Alles schien möglich in diesem schnellen, furiosen Fußballspiel. Nur kurzzeitig sah es so aus, als verlören die 05er den Faden. Sie standen etwas tiefer in dieser Phase, hatten aber hinten vieles im Griff, kamen weiterhin auch immer wieder gut in die gegnerische Hälfte, nicht mehr jedoch so gut an den Strafraum. In den Konterversuchen hatte Hoffenheim die entscheidenden kleinen Stellungsvorteile. Und ein bisschen sehnten sich die Mainzer am Ende doch die Halbzeit herbei - oder?

Öztunali hatte die dicke, dicke, dicke Chance aufs 3:1, als René Adler eine Eckballflanke fing und mit einem schnellen, weiten Abwurf über alle Hoffenheimer Feldspieler den an der Mittellinie startenden Konterstürmer vors Tor schickte. Öztunalis Vorsprung war jedoch zu klein, der Spieler nicht ruhig genug, der Schuss ging neben das Tor. Das war die 43. Minute, in der 44. hielt Baumann mit dem langen Bein den Schuss von Viktor Fischer, der das 2:0 zu kopieren versucht hatte. Und das 2:2 in der Nachspielzeit der ersten Hälfte musste ausdiskutiert werden. Es war ein Kopfballtor von Wagner, dem aktuellen Lieblingsfeind der 05-Fans, der sich die Provokationen anschließend nicht nehmen ließ. Das Problem: Vor dem Eckball hatte der Linienrichter bereits Abseits angezeigt. Von Wagner und - zu Recht? Ja, er stand abseits. Nein, es war nicht strafbar - der Ball kam nicht vom Mitspieler, sondern vom Gegner. Es war ein missglückter Befreiungsschlag von Danny Latza und Schiedsrichter Manuel Gräfe hatte es besser gesehen als sein Assistent. Und beim Eckball fehlte die Gegenwehr.

Die Offensive der zweiten Hälfte eröffnete Daniel Brosinski nach kurzem Geplänkel mit einem harten Distanzschuss in der 50. Minute - Baumann musste runter ins Eck und klärte zur Ecke. Und wenn auch die Torszenen danach erst einmal fehlten - das Spiel blieb aufregend. Die 05er waren nicht zu sehr geschockt vom Ausgleich, das Publikum war mit großer Motivation dabei - auch dank der vielen Nickligkeiten von ihrem speziellen Freund Wagner. Hoffenheim war - latent - gefährlich, aber nicht fehlerfrei, die Mainzer waren gut im Spiel. Und Latza bekam einen Eckball für seinen Distanzschuss in der 72. Minute - Baumann hatte den Ball vor dem langen Eck noch erreicht -, der eingewechselte Jairo bekam für seinen Versuch in der 74. Minute zu Unrecht einen Torjubel. Es sah auf den ersten Blick so aus, als sei der Ball drin, tatsächlich rollte er direkt hinter dem Tor quer. Die folgenden Angriffsversuche der 05er waren immer wieder zu kompliziert. Ab der Rudelbildung nach Dennis Geigers heftigem Foul an Muto (nur Gelb für Geiger, Gelb für Jairo und de Blasis für kleinere Unsportlichkeiten) machte die Hektik den Spielfluss kaputt. Adler musste in der Nachspielzeit nochmal fliegen, um einen Freistoß von Kramaric abzuwehren. Aus dem Eckball fiel das Hoffenheimer Siegtor von Mark Uth. Vorbereitet von Kevin Vogt, der formal fünf Minuten früher Gelb-Rot hätte sehen müssen. Hilft halt nichts, das starke Spiel war nichts wert. "Beim Fußball geht's nicht um die Leistung", schimpfte der mies gelaunte Adler am Ende. "Beim Fußball zählen die Punkte." Fertig.

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