„05-Fan sein heißt: Lerne zu verlieren!“

el castro
Das Europa-Tagebuch von el castro Teil 6

Donnerstag, 7. August, Asteras Tripoli

Hinterm Zaun in Tripoli. Foto: Susanne Arzt-Kaster Es ist soweit. Die fußballfreie Zeit ist zu Ende. Beginn der Leidenszeit. Die Anspannung ist bereits am Morgen bei der Auswahl der Spieltagskleidung spürbar, obwohl ich im Endeffekt bei Europapokalspielen  eh immer das 'Europa wir sind da!'-Shirt von 2005 trage. Trotzdem erwische ich mich dabei, kurz über eine Änderung dieses Rituals nachzudenken. Besonders erfolgreich waren wir mit dem Shirt bislang eigentlich nicht. Man denke nur an Medias, wo diese eigentümliche Last, Favorit zu sein, der Mannschaft die Beine schwer gemacht haben. Europapokal ist eben doch anders. Besonders dieses Jahr. Die Qualifikationsspiele liegen mitten in der Vorbereitung für die neue Saison. Die WM-Fahrer haben zwei Wochen Rückstand, drei Leistungsträger haben aufgehört (Pospech) oder sich andere Vereine gesucht (Choupo, Müller) und die Neuzugänge (Jara, Djuricic) sind noch gar nicht angekommen. Und dazwischen ein neuer Trainer, der das Rudel zu einer neuen Mannschaft formen muss. Sei‘s drum. Ich kann ja nicht plötzlich anfangen, Krawatten zu tragen, nur damit die Mannschaft gewinnt.

Am Nachmittag haben wir Tripoli nach zwei Stunden Fahrzeit für 85 km erreicht. Wir parken an einem Platz in der Innenstadt. Der Parkplatz ist hinter einem Kiosk, dessen Besitzer uns bereitwillig erklärt, wo die schönen Plätze der Stadt zum Verweilen auffordern. Und da sind sie. Überall in der Stadt sitzen kleine Grüppchen mit rot-weißen Shirts. Einige Europapokal-Veteranen sind wieder auszumachen. Es ist ein besonderes Gefühl, Leute, die man als 05-Fans kennt, in 2000 km Entfernung auf einem Marktplatz zu treffen. Das Verbindende ist: Europapokal mit Mainz 05. Es ist immer noch was Neues. Aufbruchstimmung. Und das aus langjährigen Abstiegs- und Nichtaufstiegskämpfen gewachsene 05-Feeling: '05- Fan sein heißt: Lerne zu verlieren!'.

Als gäb’s kein Morgen

]Zur Stärkung vor dem Spiel ziehen wir uns aber erstmal in eine Taverne zurück, in den Altstadtgässchen hinter der Kirche gelegen. Henkersmahlzeit. Aus einigen Geschäften raunt es beim Vorbeigehen anerkennend 'ah Mainz', Daumen hoch, 'good luck'. Die Liebe zu dem emporstrebenden Asteras wird anscheinend nicht von allen Bewohnern geteilt. Aber der Verein gibt sich Mühe. Überall hängen DIN-A3- Plakate in der Stadt mit der Ankündigung des Spiels. Im Vordergrund die Mannschaft von Asteras zum Mannschaftsfoto kniend im Mainzer Stadion beim Hinspiel.

Kulinarisch wird vom Koch der Taverna mal wieder alles aufgefahren. Als gäb‘s kein Morgen. Unser Appetit versaut uns fast den Anstoß. Auf den letzten Drücker erreichen wir das Stadion. Fünf Minuten vor Spielbeginn stehen wir in der hintersten, dunklen Ecke des Stadions vor einem großen verschlossenen und mit Nato-Stacheldraht dekorierten Stahltor, umgeben von Dutzenden Polizei-Einsatztruppen in Kampfmontur mit Schild bewaffnet und gezücktem Knüppel. "Sorry, where is the entry?" frage ich den wachhabenden Kommandeur der Truppe, woraufhin mir ein "have you tickets?" entgegengebellt wird. Da ich die Frage mit einem triumphalen "Yes!" beantworten kann und ihm entschlossen die Tickets unter die Nase halte, führt ein kurzer Befehl dazu, dass uns das Stahltor wieder aufgeschlossen wird. Wir haben es tatsächlich geschafft, die Letzten zu sein. Im Innenbereich stehen wir erneut vor hohen, mit Nato-Stacheldraht ummantelten Zäunen und zwei massiven Stahl-Drehtürschleusen, die uns den Zugang aber auch nicht verwehren können, da die mitgebrachte, gültige Eintrittskarte auch diese Hürde meistert. Fußball- Fans sind offensichtlich die Einzigen, die um jeden Preis in den Knast wollen.

Und so führen sich dann manche auch auf. Irgendwann zweifle ich daran, ob man nur lernen muss zu verlieren. Beim Tor zum 1:1, das unser Weiterkommen bedeutet, haben einige nichts anderes im Sinn, als den Gegner im Nachbarblock zu verhöhnen. "Lernt zu gewinnen, ihr ..." schreie ich ihnen im allgemeinen Tumult kaum hörbar entgegen. Sei‘s drum. Die Mannschaft, in der ersten Halbzeit eigentlich dominant und auf einem guten Weg, schafft es dann doch noch in der zweiten Halbzeit die Partie zu vergeigen und schnurstracks in den K.o. zu gehen. Der Gegner im Freudentaumel, die Mainzer frustriert. Abhaken. Wenigstens hat mir auf dem Nachhauseweg keiner den Finger gezeigt.

Am anderen Mittag, am Tag der Abreise, sitzen wir zum ersten Mal in unserem kleinen romantischen Garten mit Meerblick für eine letzte Zigarette, als die Hausherrin mit einem Tablett mit Meze und Ouzo erscheint. "You are in Greece, welcome!" Als wäre mir das nicht längst schon aufgefallen, schütte ich als guter Gast die dargebotenen zwei doppelten Ouzo bei 30 Grad in der Sonne in mich rein und kann mich nur mit Hinweis auf die finalen Autokilometer vor weiterer kulinarischer Gastfreundschaft retten.

Europa, bis die Tage!

el castro
Der langjährige 05-Fan aus Überzeugung und Leidenschaft ist erklärter Anhänger der Devise: Groß denken! Die besten Ideen findet er zu nachtschlafender Zeit, wenn um ihn herum Ruhe einkehrt und er seinen Gedanken zum Fußball im Allgemeinen und zu Mainz 05 im Speziellen freien Lauf lassen kann. Dabei setzt er sich gerne mit dem eigenen Fan-Sein kritisch auseinander und scheut auch die Kontroverse nicht. Für nullfünfmixedzone.de beleuchtet el castro zudem soziale und gesellschaftsrelevante Aspekte der Szene.